35 Jahre ungelöst – der Mord an Manuela Bülow

Monatelang wurde nach der kleinen Manuela gesucht Quelle: Filmfall / ZDF

Der Schulweg der kleinen Manuela Bülow aus dem Lübecker Stadtteil St. Lorenz-Süd war lediglich 400 Meter lang. Dennoch verschwand sie am 9. September 1980 spurlos. War ein harmloser Dumme-Jungen-Streich mitursächlich für den Tod der Siebenjährigen? Der Tag des Verschwindens von Manuela jährt sich bald zum 35. Mal – trotz einer zwischenzeitlichen Festnahme und eines bundesweit aufsehenerregenden Indizienprozesses konnte der Täter bis heute nicht überführt werden.

Manuela Bülow († 7) Quelle: Hamburger Abendblatt
Manuela Bülow († 7)
Quelle: Hamburger Abendblatt

Der 9. September 1980 ist ein verregneter Spätsommertag. Manuela, die in die 2. Klasse der Bugenhagen-Schule in der Moislinger Allee geht, hat an diesem Tag erst zur zweiten Stunde Unterricht. Ihr Vater, der als Elektriker in einer Lübecker Firma arbeitet, und ihre 4 Geschwister haben das Haus bereits verlassen, während Manuela noch  beim Frühstück sitzt. Aufgrund des schlechten Wetters an diesem Morgen rät ihre Mutter, die zu diesem Zeitpunkt mit Zwillingen hochschwanger ist, dass Manuela die gelben Gummistiefel und eine gleichfarbige Öljacke für den Schulweg anziehen soll. Ihr Elternhaus in der Mittelstraße verlässt die als brav, aber eher schüchtern und zurückhaltend geltende Grundschülerin dann pünktlich, um sich auf den knapp 15 Minuten langen Schulweg zu machen. Dabei kommt sie auch am Haus einer Mitschülerin vorbei, die noch beobachtet, wie Manuela korrekt die Straßenseite in Richtung Bugenhagen-Schule wechselt bevor sie sich dann kurze Zeit später selbst auf den Weg macht.

Am Unterricht nimmt Manuela an diesem Morgen nicht teil,  an der Schule wird sie allerdings noch von einigen Zeugen gesehen. So erinnert sich später eine Mutter, die ihre Tochter zur Schule gebracht hat, am Schultor ein weinendes Mädchen gesehen zu haben. Sie kann im Nachhinein zwar nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass es sich um Manuela gehandelt hat, das Kind trug aber gelbe Gummistiefel und eine gelbe Öljacke. Einige Zeit später turnen zwei ältere Schüler auf dem Schultor herum und versperren dabei einem kleinen Mädchen den Zutritt zum Schulgelände. Das Mädchen wechselt daraufhin die Straßenseite und bittet einen vorbeilaufenden Passanten um Hilfe. Dieser ermahnt die beiden Schüler, die daraufhin das Eingangstor öffnen. Ob das Mädchen, dass mit gelben Gummistiefeln und gelber Öljacke bekleidet war, das Schulgebäude auch tatsächlich betreten hat, können sie hinterher nicht mehr sagen. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich aber um Manuela Bülow.

Quelle: Filmfall / ZDF
Quelle: Filmfall / ZDF

Dass ihre Tochter gar nicht am Unterricht teilgenommen hat, erfährt Sigrid Bülow erst, als sie sich am Mittag in der Schule erkundigt. Gegen 12.30 Uhr hätte Manuela zuhause sein sollen, doch sie bleibt verschwunden. Daraufhin beginnt eine großangelegte Suchaktion. Manuelas Vater sucht mit selbsterstellten Plakaten nahezu rund um die Uhr nach seiner Tochter. Ein Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes und ein Schiff der Wasserschutzpolizei sind im Einsatz. Polizisten durchkämmen immer wieder das ganze Viertel und Lautsprecherwagen fahren durch die Straßen und informieren die Bevölkerung. Amateurfunker organisieren per CB-Funk Suchtrupps und Nachforschungen in bis zu 100km Reichweite. In einem Lübecker Verlagshaus wird eine lebensgroße Puppe ausgestellt, die die Kleidung des vermissten Mädchens trägt: die gelben Gummistiefel, die gelbe Öljacke, eine braune Cordhose und auch den blauen Schulranzen. Alles ist erfolglos, Manuela bleibt verschwunden – bis zum 11. April 1981.

In Süsel läuft an diesem Samstag, eine Woche vor Ostern, die “Aktion Saubere Landschaft”. Der Bürgermeister der kleinen Gemeinde im Kreis Ostholstein rund 20 km nördlich von Lübeck hat alle Mitbürger – insbesondere aber die Schulkinder – aufgefordert, bei der Beseitigung von Unrat zu helfen. Die Aktion ist ein voller Erfolg, ganze Wagenladungen an Müll sammeln die Einwohner von Süsel an diesem Tag. Durch einen glücklichen Zufall wird der Bürgermeister an der Müllsammelstelle auf einen blauen Schulranzen aufmerksam, er gehört Manuela Bülow. Sofort wird die Polizei eingeschaltet, die nun das Gebiet rund um den Gömnitzer Berg, den Fundort des Schulranzens, durchkämmt. Wenig später dann die traurige Entdeckung: in einem noch nicht gereinigten Straßengraben wird eine blaue Plastiktüte mit den sterblichen Überresten von Manuela Bülow gefunden – sieben Monate nach ihrem Verschwinden.

Ganz in der Nähe der Leiche macht die Polizei weitere interessante Entdeckungen. So finden die Beamten kurze Zeit später auch die Kleidung des Mädchens, die von den Eltern zweifelsfrei identifiziert wird. Außerdem wird ein verkohltes Telefon, Gardinen mit Brandspuren und verschiedene Drähte gefunden. Durch die Auffindesituation der Leiche und der Gegenstände ist die Polizei schnell sicher, dass alles – bereits kurz nach dem 9. September 1980 – von ein und der selben Person abgelegt wurde.

Wenige Wochen später tritt die Lübecker Mordkommission an Eduard Zimmermann und die Redaktion von Aktenzeichen XY … ungelöst heran. Man befindet, dass das seit 1976 nicht mehr hergestellte Telefon und die Gardinen ein guter Fahndungsansatz für das Fernsehen darstellen. Am 16. Oktober 1981 wird der Fall bei XY ausgestrahlt. Vermeintlich mit Erfolg: mehrere Zuschauer erinnern sich an einen Wohungsbrand ganz in der Nähe des Elternhauses von Manuela Bülow bei welchem eben ein solches Telefon und Gardinen in Mitleidenschaft gezogen worden seien. Der Verdacht fällt erneut auf Karl-Heinz L., einen 36-jährigen Schiffskoch, der bereits zuvor von der Polizei überprüft wurde. Inzwischen ist er aber wieder auf hoher See unterwegs – erst Mitte Mai 1982 wird er im französischen Le Havre festgenommen und nach Deutschland überstellt.

Karl-Heinz L. Quelle: Hamburger Abendblatt Unkenntlichmachung: blogxy.de
Karl-Heinz L.
Quelle: Hamburger Abendblatt
Unkenntlichmachung: blogxy.de

Am 3. Mai 1983 beginnt dann die Schwurgerichtsverhandlung gegen Karl-Heinz L. vor dem Landgericht Lübeck. Im Zuge dieser Verhandlung gibt L. zu, einem Lübecker Geschäftsmann 12.800 DM aus dem Tresor gestohlen zu haben, den Mord an Manuela Bülow bestreitet er hingegen vehement: “Ich habe damit nichts zu tun, ich habe das Mädchen nie gesehen, ich habe nur die Fotos in den Zeitungen gesehen – nach ihrem Tode.” Am 9. September 1980 – dem Tag des Verschwindens der 7-Jährigen – will Karl-Heinz L. in Bonn bei Verwandten gewesen sein, ein Brief der Bonner Verwandtschaft belegt dies. Nach zweiwöchigem Prozess beantragt Staatsanwalt Klaus-Dieter Schultz einen Freispruch von Karl-Heinz L.: “Möglicherweise wird hier ein Mann freigesprochen, der einen anderen Menschen umgebracht hat. Noch unerträglicher aber ist der Gedanke, ein Unschuldiger könnte zu einer hohen Freiheitsstrafe verurteilt werden.” Der Verdacht aber bleibt. Nicht nur der Verwandtschaftsbesuch in Bonn wird bezweifelt, es stellt sich auch heraus, dass Karl-Heinz L. bereits im Jahr 1974 versucht haben soll, eine 12-Jährige zu vergewaltigen. Obwohl vieles den Angeklagen erheblich belastet, wird er am 20. Mai 1983 vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen. Für den Diebstahl der 12.800 DM bleibt Karl-Heinz L. allerdings noch im Gefängnis, 2/3 der Strafe hat er aber bereits durch die Untersuchungshaft abgesessen. Somit bleibt der Mord an der 7-jährigen Manuela Bülow aus Lübeck ungesühnt – sie wäre heute 42 Jahre alt. Gut möglich, dass der Täter heute noch lebt.

Quellen:

Filmfall vom 16.10.1981 (ZDF)
Hamburger Abendblatt vom 19.9.1980, 6.2.1982, 15.5.1982, 4.5.1983, 18.5.1983, 21.5.1983
Friedhelm Werremeier: “Der abscheuliche Mord an der kleinen Manuela” (Hörzu)

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1 Kommentar

  1. Wenn L. selber sagt, dass er die Fotos des ermordeten Kindes erst nach dessen Tod in der Zeitung gesehen habe, mit diesen Fotos aber welche meint, die v o r dem Auffinden der Leiche veröffentlicht wurden, dann m u s s er der Täter sein. Zitat aus dem Artikel: “Ich habe damit nichts zu tun, ich habe das Mädchen nie gesehen, ich habe nur die Fotos in den Zeitungen gesehen – nach ihrem Tode.”

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