Dunkle Vorahnung – der Mord an Manfred Deindl

Wer ermordete den beliebten Postbeamten Manfred Deindl († 46) | Quelle: Screenshot Filmfall / ZDF

Am 19. September 1996 wurde der 46-jährige Postbeamte Manfred Deindl während seines Dienstes im Lentinger Postamt erdrosselt. Trotz der Ausstrahlung als Filmfall bei Aktenzeichen XY … ungelöst im Mai 1997 ist der Fall bis heute ungeklärt. Mord verjährt nie – und so fahndet die zuständige Kriminalpolizei Ingolstadt bis heute nach dem Täter. War es ein Kollege? Oder der rätselhafte Unbekannte, der sich “Dieter Grasser” nannte und in den Wochen vor Manfred Deindls Tod mindestens fünf Mal auf dem Postamt erschien und immer wieder nach angeblich verlorenen Kontaktlinsen gefragt hatte? Manfred Deindl jedenfalls muss eine Vorahnung gehabt haben, er unterrichtete nicht nur das Hauptpostamt in Ingolstadt, sondern erzählte auch seiner Frau von dem unheimlichen Besucher, der meist zur Mittagszeit erschien. Kurz vor seinem Tod schrieb er “Überfall. 2. Versuch.” auf einen Zettel. Der Mord an Manfred Deindl liegt bald 19 Jahre zurück, seine Angehörigen sind über den Verlust des im Ort beliebten und stets akkuraten Mannes nie hinweggekommen, daher soll an dieser Stelle an den Fall erinnert werden.

Manfred Deindl († 46) Quelle: ZDF Bearbeitung durch blogxy.de
Manfred Deindl († 46)
Quelle: ZDF
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Kösching ist ein typisches oberbayrisches Dorf im Landkreis Eichstätt nordöstlich von Ingolstadt. Der Marktplatz mit Osterbrunnen und die Barockkirche “Maria Himmelfahrt” bilden den Mittelpunkt des idyllischen Heimatortes von Manfred Deindl. Der 46-jährige steht in jenen Septembertagen 1996 kurz vor der Versetzung aus seinem bisherigen Postamt in der Nachbargemeinde Lenting – welche in Zukunft nur noch halbtags geöffnet hat – in das nur unwesentlich weiter entfernte Oberhaunstadt. Dort ist nach der Pensionierung eines Kollegen eine Ganztagsstelle frei geworden.

Am Donnerstag, den 19. September 1996, verbringt Manfred Deindl seine Mittagspause bei seiner Familie in Kösching. Nach dem gemeinsamen Mittagessen, bricht er gegen 13 Uhr – früher als üblich – wieder Richtung Lenting auf. Er will auf dem Weg noch Geld abheben, um nach Dienstschluss mit seiner Frau einkaufen zu gehen. Außerdem soll er schon am folgenden Montag nach Oberhaunstein versetzt werden. Daher möchte der allgemein als gewissenhaft und fleißig bekannte Mann seinem Nachfolger den Arbeitsplatz in Lenting geordnet und ohne liegen gebliebene Arbeit hinterlassen. So ist es auch ungewöhnlich, dass das Postamt an diesem Tag nach der Mittagspause gegen 15 Uhr immer noch nicht geöffnet hat. Nachdem Manfred Deindls Kollegen seine Ehefrau informiert haben, beschließt sie, selbst in der Ernst-Rauwald-Straße in Lenting nach dem Rechten zu schauen. Dort angekommen macht sie dann die schreckliche Entdeckung, den Anblick ihres Mannes hat sie nie verwunden. Der sofort verständigte Notarzt kann nur noch den Tod Manfred Deindls feststellen, er geht zunächst aber fälschlicherweise von einem Blutsturz aus. Da er sich dann aber doch nicht sicher ist, verständigt er die Polizei. Die Beamten erkennen sofort das Gewaltverbrechen. Manfred Deindl ist mit einer Paketschnur erwürgt worden. Er muss sich zuvor heftig gewehrt haben, die eingeschnittene Schnur in seiner Hand zeugt von einem heftigen Kampf. Trotzdem hat er keine Chance. Bei der Obduktion entdecken die Kriminalmediziner ein großes Hämatom am Rücken des Opfers, der unbekannte Täter hat vermutlich sein Knie dagegen gestemmt, um die Paketschnur fester zuziehen zu können. Aus dem Tresor des Postamtes fehlen außerdem 11.000 D-Mark.

Die Arbeit der Spurensicherung am Tatort gestaltet sich äußerst schwierig. Noch vor Eintreffen der Kriminalpolizei haben zahlreiche Kollegen und neugierige Anwohner durch Herumlaufen im Postamt möglicherweise wichtige Spuren vernichtet oder neue gelegt. Die zuständigen Beamten können 30 Fingerabdrücke sichern, welche bis auf einen Handballenabdruck alle zugeordnet werden können. Obwohl die Ermittlungen bald 80 Aktenordner füllen, ergeben sich keinerlei heiße Spuren. Umso wichtiger stuft die Kripo daher die Beobachtungen verschiedener Zeugen vor, während und nach der Tat ein – auch solche von Manfred Deindl selbst. Das spätere Opfer hatte seiner Frau in den Wochen vor seinem Mord von mysteriösen Besuchen eines Mannes erzählt, welcher sich “Dieter Grasser” nannte. Mindestens 5 Mal war er in der kleinen Postfiliale aufgetaucht, einmal hatte er eine Telefonkarte gekauft und später immer wieder nach einer Kontaktlinse gefragt, welche er bei diesem Kauf verloren haben will. Auffällig hierbei ist, dass er häufig zur Mittagszeit auftaucht und recht offensiv um Einlass bittet. Manfred Deindl ist dem Mann gegenüber so misstrauisch, dass er eines Tages “Überfall. 2. Versuch.” auf einen Zettel schreibt. Außerdem erstattet er über die Vorfälle zweimal Meldung beim Hauptpostamt in Ingolstadt. Am 16. September 1996 meldet sich der mysteriöse Mann dann ein letztes Mal telefonisch im Postamt Lenting und gibt an, dass sich die Angelegenheit erledigt habe.

Phantombild Nr. 1 Der "Kontaktlinsen-Mann" Quelle: Polizei
Phantombild Nr. 1
Der “Kontaktlinsen-Mann”
Quelle: Polizei

Am Tattag selbst fallen dann verschiedenen Zeugen zwei Männer auf, die sich ab 13 Uhr im Bereich des Postamts aufhalten. Die Beschreibung eines der beiden mutmaßlichen Täter passt genau auf den Mann, der wiederholt nach seiner Kontaktlinse gefragt hatte. Der andere Mann fällt einer Zeugin eines gegenüberliegenden Hauses wegen seiner Ähnlichkeit zu Peter Maffay auf. Beide sind in einem hellen Kombi unterwegs. Dieser fällt einer Zeugin auch am 20. September 1996, also einen Tag nach der Tat, noch im Landkreis Eichstätt auf; dieses Mal in Manfred Deindls Heimatgemeinde Kösching. Eine Passantin merkt sich dabei eher zufällig das Heilbronner Kennzeichen des Wagens. Eine Überprüfung durch die Kriminalpolizei ergibt aber, dass der Halter des Wagens nichts mit dem Raubmord zu tun hat. Vermutlich haben die Täter eine sogenannte Kennzeichen-Dublette verwendet. Mithilfe der unterschiedlichen Zeugen kann die Polizei später jedoch Phantombilder der zwei Männer anfertigen.

Phantombild Nr. 2 Zeugen beschrieben die Ähnlichkeit mit Peter Maffay Quelle: ZDF
Phantombild Nr. 2
Zeugen beschrieben die Ähnlichkeit mit Peter Maffay
Quelle: ZDF

Nachdem sämtliche Ermittlungsansätze der zuständigen Kriminalbeamten ins Leere gelaufen sind, wendet sich die Kripo Ingolstadt an Aktenzeichen XY … ungelöst und Eduard Zimmermann. Dort wird der Fall am 2. Mai 1997 ausgestrahlt, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Beobachtungen der Zeugen und die zwei Phantombilder gelegt wird. Zu Gast im Studio ist Kriminalhauptkommissar Stefan Hagen. Doch auch die ZDF-Zuschauer können ihm und seinen Kollegen in diesem Fall keinerlei neue und entscheidende Hinweise geben. Ein Hoffnungsschimmer keimt auf, als vermutlich dieselben Täter im Juni eine Postfiliale im württembergischen Mainhardt im Landkreis Schwäbisch-Hall überfallen. Die nahezu identische Tatausführung und Täterbeschreibung passen zum Fall in Lenting knapp 3 Jahre zuvor. Nur durch Glück und ihre gute körperliche Verfassung überlebt die 38-jährige Postangestellte den Raub und Mordversuch. Der Täter hat sie misshandelt und versucht mit einer Drahtschlinge zu erwürgen. Obwohl die Ermittlungen in Mainhardt sofort auf Hochtouren laufen, gelingt der Polizei auch in diesem Fall der entscheidende Durchbruch nicht. Die 5.000 DM Belohnung, die zur Ergreifung der Täter ausgesetzt wurden, würde es auch heute noch geben. Die zuständigen  Ermittler hoffen, dass das Geld – heute natürlich umgerechnet in Euro – noch an einen Hinweisgeber ausgezahlt werden kann.

Filmfall

Quellen

Filmfall aus Aktenzeichen XY … ungelöst vom 2. Mai 1997 / ZDF
“Postmord noch ungesühnt – Verbrechen in Lenting jährt sich zum fünften Mal” von Horst Richter, erschienen am 18. November 2002
“Der Mörder kam am letzten Arbeitstag” von Horst Richter, erschienen im Donaukurier, 17. September 2010

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1 Kommentar

  1. Ich habe damals in Lenting gewohnt. Der Fall bewegt mich noch heute, weil ich beruflich oft im Postamt war (Umstrukturierung und Einrichtung von BTX). Daher kannte ich das Opfer gewissermaßen recht gut. Leider war ich ausgerechnet an diesem Tag nicht vor Ort. Ich erinnere mich aber daran, dass der “Verrückte” (Herr Deindl nannte ihn immer “den Spinner” ) immer wieder Mittags da war und auch recht häufig zu den ungewöhnlichsten Zeiten angerufen hat. Zweimal war ich selbst am Telefon wenn Herr Deindl beschäftigt war. Der Mann war äußerst aggressiv und aufdringlich. Als er das eine mal hinter der Filiale mit Herrn Deindl geredet hat wurde er handgreiflich. Der Mann sah wirklich aus wie auf dem Phantombild. Lediglich die Haare waren immer glatt gekämmt. Herr Deindl hatte mich mehrfach angesprochen, dass ich ihm Bescheid geben soll, wenn ich eine Kontaktlinse oder Kontaktlinsenzubehör finden würde.
    Es ist ein Jammer, dass der Fall immer noch nicht gelöst ist.

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