Weinbergmord – Der Fall Anja A.

1987: Mathias Rust landet mit seiner Cessna auf dem Roten Platz in Moskau, Uwe Barschel wird tot in der Badewanne eines Genfer Hotelzimmers gefunden, Claudia Schiffer macht ihre ersten Schritte in der Modewelt – und ein unfassbares Verbrechen erschüttert Stuttgart.

Die 17jährige Gymnasiastin Anja A. lebt mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester in Bad Cannstatt in der Siedlung Muckensturm. Sie geht in die 10. Klasse des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums und plant bereits ihre berufliche Zukunft. Nach der mittleren Reife möchte sie die Schule verlassen und ihre bereits sichere Lehrstelle als Dekorateurin antreten.

Doch dann kommt der 27. März 1987. Es lässt sich nur schwer rekonstruieren, was an diesem Tag zwischen der Straßenbahnendstation „Obere Ziegelei“ und der elterlichen Wohnung passiert ist. Doch der Reihe nach:  gegen 18.30 Uhr verlässt Anja nach einem etwas früheren Abendessen als sonst die Wohnung, um an einem Gruppenabend im evangelischen Gemeindehaus teilzunehmen, bei dem sie ihre Mitkonfirmanden trifft, um mit ihnen zu quatschen und Gesellschaftsspiele zu spielen. Spätestens um 22 Uhr soll sie zurück sein. Anjas Familie richtet sich dagegen für einen gemütlichen Fernsehabend ein. In der ARD läuft der Western „Höchster Einsatz in Laredo“ mit Henry Fonda, im ZDF klärt „Der Alte“ einen Mord.

Auf dem Hinweg zum Jugendtreff benutzt Anja eine Abkürzung durch die Weinberge, die sie bei Dunkelheit meidet. Diese Abkürzung führt direkt zur Haltestelle „Obere Ziegelei“ an der auch ein Bus hält, den Anja in der Regel benutzt, um in der Dunkelheit wieder in die Siedlung Muckensturm zu gelangen. Gegen 19 Uhr erreicht Anja das Gemeindehaus, wo sie für 2 Stunden bleibt. Um 21 Uhr löst sich die Gruppe langsam auf und Anja und ein junger Mann aus der Gruppe, welcher in der Nähe wohnt, begeben sich zur Haltestelle „Kursaal“ unweit des Gemeindehauses. Als die Bahn um 21:16 Uhr kommt, ist Anja bereits alleine. Ihr Begleiter hat sich auf den Heimweg gemacht und ein Zeuge gibt später zu Protokoll, dass Anja nicht in die Straßenbahn eingestiegen sei, die sie zur „Oberen Ziegelei“ gebracht hätte. Vielmehr sei sie an der Haltestelle von einer männlichen Person angesprochen worden – bis heute ist nicht bekannt, um wen es sich bei dieser Person handelt.
Eine Viertelstunde später, also um 21:31 Uhr fährt die nächste Bahn von „Kursaal“ in Richtung „Obere Ziegelei“. Es wird vermutet, dass Anja diese Bahn genommen hat und vier Minuten später auch an der Endhaltestelle angekommen ist. Sicher ist aber, dass sie den sieben Minuten nach Ankunft der Straßenbahn abfahrenden Bus in ihre Wohnsiedlung nicht bestiegen hat.  Vermutlich hat sie auch zurück den Weg durch die Weinberge gewählt, was sie sonst in der Dunkelheit vermied.
Passierte dies freiwillig? Wurde ihr Gewalt angedroht? Oder war sie einfach mit Personen unterwegs, denen sie vertraute und von denen sie glaubte, nichts zu befürchten zu haben?

Es wird später und später. Immer wieder geht Anjas Mutter an diesem Abend auf den Balkon, von dem sie einen guten Blick über Stuttgart und Umgebung hat. Es ist sonst nicht Anjas Art sich zu verspäten. Später sagt sie aus, dass sie in einem Moment glaubte, in der Entfernung einen Schrei gehört zu haben, aber es könne auch einfach der Wind gewesen sein.

Genau um die Zeit, als an der Haltestelle „Obere Ziegelei“ der Bus Richtung Muckensturm abfährt, in den Anja nicht steigt, weil sie sich vermutlich bereits auf dem Weg durch die Weinberge befindet, führt ein Bewohner der Siedlung seinen Hund spazieren und passiert dabei auch den Weg, der durch den Weinberg führt. Aus einiger Entfernung hört er zwei Männer und eine Frau, die – wie er zunächst glaubt – scheinbar herumalbern. Eine Anwohnerin hört gegen 21:40 Uhr – also zu ähnlicher Zeit – Schreie aus Richtung der Weinberge. Diese Beobachtung teilt sie der Polizei am nächsten Tag mit.

Noch in der Nacht melden Anjas Eltern ihre Tochter als vermisst. Waltraud A. bleibt nicht tatenlos, sondern fährt mit dem Auto die Strecke zur Haltestelle „Kursaal“ ab. Erfolglos!
Drei Tage zwischen Hoffen und Bangen verbringt die Familie bis sie die traurige Gewissheit ereilt. Zunächst meldet sich ein unbekannter Anrufer am Telefon: „Ihre Tochter ist tot!“. Seinen Namen nennt er nicht. Doch kurze Zeit später überbringt auch der Leiter der Sonderkommission die Nachricht vom Tod von Anja. 150  Polizisten waren an der Suche beteiligt. Ein paar von ihnen werden misstrauisch, als sie in einer Schrebergartenanlage nur wenige Meter vom Fußweg Richtung Muckensturm entfernt ein frisch umgegrabenes Blumenbeet entdecken.  Der Mörder hat das Mädchen erwürgt und das Beet, nachdem er Anja begraben hatte sogar noch gegossen. Darüber hinaus sollen an der Leiche Stichverletzungen zu sehen gewesen sein.
Bereits vor dem Fund der Leiche mehrten sich die Verdachtsmomente, dass Anja tatsächlich etwas zugestoßen sei. Die Suchtrupps finden unweit der Haltestelle an der Schmidener Straße einen Teil des „Orange Passes“ von Anja – der Fahrkarte der Stuttgarter Verkehrsbetriebe. Darüber hinaus werden an anderer Stelle Teile ihres Mantels  gefunden, welchen sie erst 3 Tage vor ihrem Verschwinden anlässlich ihres Geburtstages geschenkt bekommen hatte. Am 3. April 1987 zogen rund 1.200 Menschen nach einer Andacht in der Lutherkirche Richtung Schmidener Straße und legten Blumen und Kerzen an der Stelle nieder, an der Anja einige Tage zuvor gefunden worden war.

Bis heute ist nicht bekannt, warum Anja sterben musste und wer dafür verantwortlich ist. Mehr als 4.000 Hinweise sammeln die 60 Ermittler der Sonderkommission. Jeglichen Spuren wird nachgegangen. Im Neckarstadion wird vor dem Bundesligaspiel VfB Stuttgart – Borussia Dortmund am 4. April 1987 ein Bild der Ermordeten eingeblendet. Aufgrund der Tatsache, dass das Beet so ordentlich hinterlassen und gefegt wurde, wird sogar explizit bei Totengräbern ermittelt. Leider alles  ohne Erfolg. So kommt der Fall am 15. Januar 1988 durch Aktenzeichen XY auf den Fernsehbildschirm. Das Ziel des erschreckenden Filmfalles ist es, neue Zeugen zu finden. Die Stuttgarter Kriminalpolizei legt hierbei besonderen Wert auf den Heimweg des Mädchens und ihre Kleidung. Es wird hier zum ersten  Mal auch von der Möglichkeit gesprochen, dass Anja in einem Wagen mitgefahren sein könnte. Hier werden vor allem Zeugen gesucht, welche auf einer der Veranstaltungen im Cannstatter Kursaal waren und an der Haltestelle eventuell Beobachtungen gemacht haben. Weiterhin werden Personen gesucht, welche die Straßenbahn um 21:31 Uhr benutzt haben und dort evtl. Anja gesehen haben. Durch die Ausstrahlung des Falls melden sich einige Zeugen, die allerdings keine entscheidenden Anhaltspunkte zur Lösung des Mordes liefern können.
Auch heute wird der Fall „Muckensturm“ – so der XY-Arbeitstitel – immer mal wieder neu aufgerollt. Vor allem wenn sich neue Spuren ergeben, wie z. B. Ende 2008, als eine unbekannte DNA-Spur auf einem Beweisstück sichergestellt werden konnte. Leider blieb auch diese Spur ohne Erfolg obwohl alle Personen aus Anjas Bekanntenkreis sowie mehr als 500 Männer, die 1987 in der Siedlung Muckensturm lebten, zum freiwilligen Speicheltest gebeten wurden. Der Mord ist nun bald 26 Jahre her, doch die Hoffnung bleibt, dass der Mörder irgendwann gefasst wird und für seine Tat zur Rechenschaft gezogen wird. Anjas Eltern haben überlegt aus der Siedlung wegzuziehen. Da die Polizei aber davon ausgeht, dass der Täter Ortskenntnis besitzt und auch heute noch in der Nähe wohnen könnte, wollten sie dem Täter diese „Gefallen nicht tun“. Die Familie hofft, dass der Täter sie in der Siedlung sieht und dass es ihn quält. So gaben sie es in einer Reportage der Stuttgarter Zeitung vom 27. März 2007 zu Protokoll. Diese Reportage endet mit dem Absatz: „Einige Tage bevor ihre Tochter starb, ist im Fernsehen über den Mord an einer Schülerin berichtet worden. Anja saß fassungslos auf dem Sofa in der Stube und sagte: „Wenn die Mutter der Ermordeten das sieht, fällt sie tot um.“ Waltraud A. bekommt diesen Satz nicht mehr aus dem Kopf.“ Auf Anjas Grabstein steht: “Heimtückisch ermordet”

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